Eva – Verena KeßlerVerlag: Hanser Literaturverlage | Seiten: 208 Erscheinungsjahr: 2023 |
Kurzbeschreibung
Eigene Kinder – ja oder nein? Um den Planeten zu retten, gibt es nur eine Möglichkeit: ein Geburtenstopp. So lautet zumindest Eva Lohaus‘ Idee. Eine Vision, die beim breiten Publikum nicht gut ankommt und für die sie einen hohen Preis zahlt. Die Schwestern Sina und Mona sind sich nah und doch so fern. Beide hadern mit dem Erwartungsdruck, den ihre jeweiligen Lebensentwürfe mit sich bringen. Gegenseitig versuchen sie, sich aufzurichten und einen neuen Weg einzuschlagen. Die unbekannte Frau, die zu Monas neuer Nachbarin wird, hat einen schweren Schicksalsschlag erlitten. Erst allmählich lernt sie, was es heißt, das Leben mit all seinen Schmerzen und Unsicherheiten alleine zu bewältigen.
Meine Meinung
In diesem Roman begegnet man vier verschiedenen Frauen, die an unterschiedlichen Punkten im Leben und der Handlung stehen. Jede von ihnen bringt andere Lebensvorstellungen aufs Feld, die aufeinander prallen, sich abstoßen, aber auch ergänzen. Alle vier Frauen sind auf die eine oder andere Weise miteinander verbunden, sie beeinflussen sich gegenseitig, im Positiven wie im Negativen. Sie teilen sich Schicksalsschläge und sind mit Makeln behaftet, die ihre Geschichten echt und nachvollziehbar machen. Die Stimmen der Frauen sind sehr unterschiedlich und bemerkenswert. Der Stil der Autorin schmucklos, aber dadurch nicht weniger reizend und aufrührend.
Sina (aus der Ich-Perspektive und im Präteritum erzählt) wird im Alltag von viele Unsicherheiten begleitete. Sie ist hin- und hergerissen: Möchte sie Mutter sein oder gefällt ihr lediglich der Gedanke und die Vorstellung davon, Mutter zu sein; zu spüren, wie es sich anfühlt, ein Kind auf die Welt zu bringen und für es verantwortlich zu sein? Vor lauter inneren und äußeren Erwartungen weiß sie gar nicht mehr wohin mit sich selbst. Die Stimme, die die Autorin ihrer Sina gibt ist fahrig, ein bisschen aufgedreht und quirlig, was während der Lektüre auf einen selbst abfärbt. Man muss Geduld mit ihr haben, das gelang mir nicht immer.
Eva (in der dritten Person und im Präteritum geschildert) ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte. Sie schwankt zwischen Resignation und Neuanfang. Ihre Stimme ist besonnen, gibt Halt und bietet einen Ausgleich zu Sinas zittriger Stimme. Doch auch Eva bleibt von Unsicherheiten und Fehlern nicht verschont. Nicht nur ihr Alter, sondern auch ihre Erfahrungen machen sie reifer.
Mona (aus der Ich-Perspektive und im Präsens erzählt) erinnerte mich an die Protagonistin aus Linn Strømsborgs „Verdammt wütend“. Aus jeder Zeile ihrer Geschichte sichert das Gefühl der Überforderung und man möchte ihr einfach nur helfen. Mona ist auf der Suche nach sich Selbst und findet sich in ihrer Schwester. Die Beziehung zwischen den beiden hat mich sehr berührt und nachdenklich gestimmt.
Das Bild wird durch die Stimme der unbekannten Frau (aus der Ich-Perspektive und im Präteritum erzählt) vervollständigt, die so viel Schmerz und Bedauern mit sich herumträgt, dass auch sie gar nicht weiß wohin mit sich. Dabei bleibt sie so nüchtern und fast schon gleichgültig. Die Hoffnung hängt am seidenen Faden. Ob beabsichtigt oder nicht, hat mich die Figur auf Abstand gehalten, da war kaum ein durchkommen, aber das merken auch die Figuren im Buch. Obwohl die Frau keinen Namen hat, ist sie dennoch nicht unbekannt. Ihre Anwesenheit zieht sich durch den gesamten Roman. Ihre Spuren zu finden (auch rückblickend) war faszinierend.
Die Triebfedern der Romanhandlung sind die inneren Konflikte der Figuren, die nach außen hin provozieren und anecken. Der Roman liest sich schnell und entwickelte bei mir eine Art Sogwirkung. Habe ich eine Lieblingsfigur; eine Perspektive, die ich am besten nachvollziehen konnte? Nein, nicht wirklich. Mein Mitgefühl galt allen vier Frauen, weil in jeder von ihnen etwas steckt, was man als Mensch, der auch eine Frau ist, einfach versteht. Die wenigen Männer, die vorkommen, konnte ich durch die Bank weg nicht leiden. Ihre Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Kinder-Frage war unangenehm und irritierend. Während die Frauen viel reflektieren und über sich wie über die Gesellschaft nachdenken, bleiben die Männer weit hinter ihnen zurück.
Die Perspektiven zeichnen ein Bild, das vielschichtiger nicht sein könnte. Der figurenabhängige Wechsel der Erzählperspektiven (Ich-Erzählerin bzw dritte Person) und Erzählzeiten (Präsens und Präteritum) ist lesbar, wenn auch auf dem ersten Blick nicht unbedingt nachvollziehbar. Ich rätsele immer noch darüber, warum sich die Autorin bei der einen Figur für das Präsens/die Ich-Perspektive und bei der anderen Figur für das Präteritum/die dritte Person entschieden hat. Geht es darum, die Figuren nahbarer zu machen, die Identifikation des Lesers*der Leserin zu erleichtern? Soll das Ich die Anonymität der Frau, deren Namen wir nicht kennen, aufbrechen und ihre Taten zwar nicht entschuldigen, aber nachvollziehbar machen. Soll das Ich eine bestimmte Nähe zum Erfahrenen und das Sie eher einen kalkulierten Abstand ausdrücken? Wird bei der Ich-Perspektive der innere Konflikt nach außen getragen und bei der dritten Person von außen nach innen? Mir gefällt dieser Schachzug der Autorin durchaus und all die Überlegungen, die dieser erlaubt. Diese Wechsel verdeutlichen, dass es im Leben viele Facetten gibt, die bei Entscheidungen eine Rolle spielen; dass man sich im Leben viele Fragen stellt, die aus verschiedenen Winkeln zu unterschiedlichen Zeiten betrachtet werden und sich vielleicht auch verändern.
Der Roman zeigt, dass die Frage „Eigene Kinder – ja oder nein?“ nicht immer so einfach zu beantworten ist, weil die Frage und die Antwort(en) für jede Fraue etwas anderes bedeuten und mit sich bringen. Mal sind Kinder sinnstiftend, mal Antreiber einer Katastrophe, mal bedeuten sie Verlust und manchmal Hoffnung. Auch die Frage nach der Kernfamilie steht zur Debatte, aber auch hier gibt es nicht die eine Lösung.
Lösungen – die Suche nach ihnen steht in diesem Roman ebenfalls im Vordergrund. Ob es jetzt der Tapetenlöser, die Matheaufgabe oder Klimafragen sind. Überall wird nach ihnen gesucht und nicht immer werden sie gefunden. Gibt es eine Lösung? Gibt es keine? Wie schnell sollte man aufgeben? Und ist vielleicht die Frage danach, ob es eine Lösung gibt, nicht die falsche Frage? Ist die Lösung das Ziel oder ist es der Weg dorthin? Sehr philosophisch!
Diesen Roman habe ich kurz nach dem Sachbuch „Unlearn CO2“ gelesen, in dem sich Autor*innen kritisch mit dem fossilen System auseinandersetzen und die Frage nach realistischen und dringenden Klimalösungen stellen. Vieles, was in diesem Sachbuch thematisiert wird, findet man auch in diesem Roman wieder zb der Umgang mit Klimagefühlen, die Verdrängung und Leugnung des Klimawandels, die Rolle der Medien wird hinterfragt und die Notwendigkeit von verantwortungsbewussten Journalist*innen wird betont; es geht um Mode, um die Dualität Frau-Natur. Und über allem schwebt natürlich das Patriarchat. Der Roman streift diese Themen im Vorbeigehen, verarbeitet sie mal als unterschwellige Motive und mal werden sie einem um die Ohren gepfeffert.
Während das Sachbuch Existenzängste in mir auslöste, war dieser Roman in der Lage diese zu lindern. Denn der Roman stellt das Zusammen in den Vordergrund; zwischen den Seiten dieses Romans erwartet einen viel Schmerz, aber noch mehr Hoffnung.
Mein Fazit
„Eva“ von Verena Keßler hat mich mit sich gerissen und mich noch nicht wieder losgelassen. In Gedanken bin ich manchmal noch bei Eva, Sina, Mona und der unbekannten Frau. Absolute Leseempfehlung!
Weitere Meinungen zu “Eva” von Verena Keßler
- Rezension von juLiteratur
- Rezension von Tintenhain
- Rezension von Eulenmatz liest