La Discendente Del Ladro – Giulia ModugnoVerlag: Giunti Editore | Seiten: 720 Erscheinungsjahr: 2024 |
Kurzbeschreibung
Die Waise Nailyn lebt zusammen mit ihrem besten Freund Jak im Elendsviertel der Stadt Vartadis im Königreich Eredros. Mit Diebstählen und Einbrüchen halten sie sich über Wasser. Eines Tages stiehlt Jak einen goldenen Kerzenleuchter, weshalb sie zu den meistgesuchten Personen der Stadt werden. Ein Piratenschiff bringt sie in Sicherheit, doch diese währt nicht lange. Nailyn muss sich ihrer wahren Identität stellen: Ist sie wirklich die Nachfahrin des Diebes, der vor 1000 Jahren die drei Schwerter des Fauns Adhareo stahl und damit die magische Welt zu einem langen Schlaf verurteilte? Nailyn muss sich entscheiden, auf welcher Seite sie im Krieg zwischen Licht und Dunkelheit stehen möchte. Und auch ihr Herz muss sich entscheiden: zwischen ihrem besten Freund Jak und dem Kampflehrer Reywind.
Meine Meinung
„La Discendente Del Ladro” (dt. Die Nachfahrin des Diebes) und ich sind keine Freunde geworden. Ich musste bei der Lektüre sehr schnell feststellen, dass ich viel zu hohe Erwartungen an den Roman hatte und dass ich nicht zur gedachten Zielgruppe gehöre.
Mein größtes Problem mit diesem Romantasy-Roman war das rudimentäre World Building. Die Autorin beschreibt nur das, was ihrer Protagonistin direkt vor Augen ist. Es wird kein oder kaum ein Blick nach rechts oder links geworfen. Nach 700 Seiten hatte ich kein Gefühl für die Welt, in der dieser Roman spielt. Ich weiß nichts über die Geographie, die Geschichte oder die Kulturen dieser Welt. Ja, die Autorin beschreibt ihre Welt, aber alles fühlt sich lückenhaft und strukturlos an. Alleine schon das Fehlen einer Landkarte hat mich von Anfang an nichts Gutes ahnen lassen. Man kann doch nicht einfach auf eine Landkarte verzichten, wenn die Figuren schon in den ersten zehn Kapiteln von A nach B über C nach D reisen.
Ich weiß nur das, was für den Plot notwendig ist und auch das wird nur oberflächlich behandelt. Während der Lektüre kamen mir so viele Fragen in den Sinn, auf die ich kaum Antworten bekommen habe. Bei diesem Roman handelt es sich um einen Einzelband (soweit ich weiß), also werden die Fragen unbeantwortet bleiben. Ich weiß immer noch nicht genau, was es mit der Lore um den Faun Adhareo so wirklich auf sich hat. Worauf fußt das Ganze? Warum verehren die Menschen dieser Welt einen Faun, wenn sie offenbar auch andere Götter haben? Die Menschen haben Klöster und Tempel, Mönche und Nonnen, es werden Menschen gekreuzigt. Ist es ein Kult? Eine Religion? Und betrifft die Prophezeiung nur das Königreich Eredros? Und was ist mit dem restlichen Land oder dem Kontinent und dem Planeten? Bei all diesen Dingen ist sich selbst die Protagonistin meist nicht so sicher. Mal bestimmt sie das Schicksal des Landes, mal des gesamten Planeten.
Nehmen wir die Schule, die Verbrecher und Gesinde ausbildet, um im großen Krieg zwischen Licht und Dunkelheit zu kämpfen. Ein großer Teil der Geschichte findet in einer dieser Schulen statt. Ich habe so viele Fragen. Es gibt nur drei Fächer: Kulturgeschichte, Kräuterkunde/Alchemie und Kampfunterricht. Aber warum gibt es nur diese drei Fächer? Und wie sieht das Klassensystem aus? Wann wurden dieser Schulen gegründet? Wie schließt man die Schule ab? Der Umgang mit Neuankömmlingen, wie mit Nailyn und Jak, war verwirrend und absurd. Man könnte natürlich argumentieren, dass man als Leser*in bei einer Geschichte, die aus der 1. Person erzählt wird, nur so viel Ein- und Ausblick haben kann wie der*die Protagonist*in. Das ist aber nur ein halbgares Argument, vor allem wenn es um die Ausgestaltung einer fiktionalen Welt geht – wer seine Figuren keine kritischen Fragen stellen lässt, der*die nimmt Oberflächlichkeit in Kauf.
Was die fantastischen Elemente angeht, muss ich wirklich sagen, dass nicht alles schlecht war. Aber insgesamt war nichts wirklich überragend. Mir fehlte ein Konzept. Es ist ja kein Problem, sich für ein offenes Magiesystem zu entscheiden, bei dem die Grenzen des Möglichen und Unmöglichen verschwimmen. Aber wenn die Protagonistin auf Seite 600 aus dem Nichts irgendwelche magischen Kräfte entwickelt, diese auch noch ohne jedwedes Training meisterhaft einsetzen kann und die dann im restlichen Verlauf keine Rolle mehr spielen… dann ist das einfach nur frustrierend. Die Autorin haut so vieles durcheinander, erwähnt Dinge, führt sie dann nicht aus und lässt so viele Lücken. Von den Logikfehlern will ich gar nicht erst anfangen (zB innerhalb von 2-3 Wochen werden unzählige Schwerter geschmiedet und eine komplette Rüstung mit dem aufwendigsten Design, das jemals jemand erdacht hat – ist klar!).
Man hätte der Geschichte einen großen Gefallen getan, wenn man die 700 Seiten auf zwei Bücher aufgeteilt, mehr Zeit und Arbeit ins World Building und in den Plot gesteckt hätte. Man hätte an den Details und Kleinigkeiten arbeiten können, die die Lektüre so anstrengend und inkohärent gemacht haben. Und man hätte vermeiden können, dem Leser*der Leserin den Eindruck zu vermitteln, dass sich selbst die Autorin nicht so ganz in ihrer Welt auskennt.
Dieser Roman gehört zum momentan im Trend liegenden Romantasy-Genre. Ich würde sagen, dass sich die Fantasy- und Romance-Anteile mehr oder weniger die Waage halten, auch wenn es qualitativ auf beiden Seiten eher mau aussieht. Auf der Spice-Skala, die auf der Rückseite des Buchumschlags ausgewiesen wird, liegt der Roman bei zwei von fünf Chili-Schoten – was ich mal bestätigen würde. Den Spice konnte man gut überfliegen, ohne dass handlungsrelevante Informationen verloren gingen.
Ich hatte sehr stark das Gefühl, dass es in dem Roman eher um sexuelles Begehren ging als um Liebe. Man liest ständig von einer elektrisierenden Anziehung zwischen der Protagonistin und dem jeweiligen Love Interest. Das Polieren eines Schwerts wird zu einer erotischen Handlung und ja, ich weiß auch nicht. Schade fand ich, dass die freundschaftliche Dynamik zwischen Nailyn und Jak sehr schnell auf Zweideutigkeiten, Verlangen und Begehren reduziert wurde. Man sieht die Freundschaft an vielen Stellen sehr klar hervorscheinen und die Stellen haben mich sehr berührt. Davon hätte ich gerne mehr gelesen.
Und während ich mich eher als Team Jak bezeichnen würde (wobei, naja…), konnte ich mit keinem der beiden Love Interests so wirklich etwas anfangen. Dafür fielen sie mir viel zu flach aus. Ja, beide hatten eine gewisse Chemie mit der Protagonistin, aber ich hätte mir darüber hinaus ein wenig mehr gewünscht. Mir fehlten die ganz großen Gefühle, die Verliebtheit, die nicht-körperliche Schwärmerei. Aber nein, es geht nur um sexuelles Verlangen. Das mag für einige Leser*innen funktionieren, für mich allerdings nicht. Ich hab’s einfach nicht gefühlt.
Die Figuren Nailyn, Reywind und Jak hatten für mich auch nur wenig Besonderes an sich. Tatsächlich war ich mehr an den Nebenfiguren Zinah und Mida interessiert, aber auch diese werden nur in dem Maße lebendig, wie sie für den Plot wichtig sind und auch nur so viel, damit sie nicht zu platt wirken. Bei Zinah war das weniger auffällig als bei Mida.
Natürlich haben alle Figuren in diesem Roman eine tragische Hintergrundgeschichte, die im Verlauf der Handlung aufgedeckt wird. Trauma, baby, gib mir Trauma! Nailyn ist die für diese Romane typische starke Frau: sturköpfig, vorlaut, abgeklärt und feministisch (naja, nicht wirklich, aber okay), impulsiv und lässt sich von niemandem etwas sagen, schon gar nicht von einem Mann. Eine charakterliche Entwicklung macht sie nicht wirklich durch. Sie wird zwar ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert, aber im Inneren war nicht viel los. Ähnlich war es bei Jak und Reywind.
Jak ist Nailyns bester Freund, charmant, treudoof und hat definitiv Besseres verdient. Reywind ist der mysteriöse, breitschultrige, göttergleiche, moralisch fragwürdige (naja, auch nicht wirklich) Typ – wen wird Nailyn bloß wählen?! Das ständige Alphamännchen-Getue und die Hahnenkämpfe zwischen Reywind und Jak waren nicht sonderlich kreativ, sondern etwas nervig und anstrengend.
Der Schreibstil der Autorin hat mich auch nicht unbedingt aus den Socken gehauen. Man kommt mit der Lektüre zum Glück sehr schnell voran: Die Kapitel sind kurz und die Sprache ist einfach gehalten – vieles wiederholt sich zB die tränenden Kerzen. Nach sprachlicher Vielfalt oder Kreativität sucht man leider vergeblich. Stattdessen werden die Seiten von Schimpfwörtern und Flüchen geflutet. Soll das ständige Fluchen ein Beweis dafür sein, wie abgebrüht die Figuren sind? Soll es ein Symbol für das grausame Leben in der Gosse sein, das sie so abgehärtet hat? Missvergnügen kann auch anders versprachlicht werden als nur durch Flüche und Beleidigungen. Ich konnte das nicht so wirklich ernst nehmen und ich empfand es an manchen Stellen als störend. Insgesamt harmoniert der Sprachstil nur sehr wenig mit dem gewollten, aber auch nicht sonderlich überzeugend umgesetzten mittelalterlichen Setting.
Die erste Hälfte des Romans war sehr zäh. Der Spannungsbogen hing an einigen Stellen ordentlich durch und ich musste mich teilweise wirklich zwingen, die Lektüre nicht einfach abzubrechen. Was mich auf die Palme gebracht hat, waren die ständigen Vorwegnahmen zukünftiger Wendepunkte: „Ich hätte nicht gedacht, dass X und Y passieren würde“ oder „Wir konnten ja nicht ahnen, dass XYZ bevorstand“. Warum, warum dämpft man den Spannungsbogen auf so eine unnötige Art und Weise? Zur zweiten Hälfte hin wird der Roman spannender und es geht zügiger voran. Während der Plot nicht sonderlich innovativ und teilweise auch vorhersehbar war, war der Weg, der ja bekanntlich das Ziel ist, trotzdem recht interessant. Der große Krieg, auf den der Roman hinausläuft wird auf circa 10 Seiten abgehandelt und es ist eher ein Gemetzel als eine epische Schlacht. Die Strategie, die sich die Figuren ausdenken, kommt auch nicht so ganz zur Geltung. Ganz im Gegenteil beinhaltete die Strategie einen Logikfehler, den ich nicht einfach ignorieren konnte und der mich das Buch hat wortlos zur Seite legen lassen.
Was die Tropes angeht, hält der Roman, was er verspricht: „enemies to lovers“, „friends to lovers“, „chosen one”, “love triangle” (naja, nicht wirklich, also im cis-hetero Sinne schon), „slow burn“ und „morally grey“. Wer diese Tropes also zu seinen Lieblingen zählt, wird mit diesem Roman definitiv auf seine Kosten kommen – vorausgesetzt er wird irgendwann mal ins Deutsche übersetzt.
Mein Fazit
Mir ist natürlich schon nach den ersten paar Kapiteln aufgefallen, dass der Roman nicht zu mir passt und umgekehrt. Ich hatte aber nicht das Herz, die Lektüre abzubrechen, weil ich an das Potenzial der Geschichte geglaubt habe – bis zum bitteren Ende. Das Ergebnis: Keine Leseempfehlung
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- Rezension von L’Amica Dei Libri