Das Sachbuch liegt auf verschiedenen Pappschildern. Auf einem Pappschild steht 'Love is in the air, but so is CO2' und auf einem anderen 'Oma, was ist ein Eisbär?'

[Rezension] Unlearn CO2

Unlearn CO2 – Claudia Kemfert (Hsg.), Julien Gupta (Hsg.), Manuel Kronenberg (Hsg.)

Das Sachbuch liegt auf verschiedenen Pappschildern. Auf einem Pappschild steht 'Love is in the air, but so is CO2' und auf einem anderen 'Oma, was ist ein Eisbär?'

Verlag: Ullstein Hardcover | Seiten: 336
Erscheinungsjahr: 2024

Kurzbeschreibung

In 14 Essays geht es dem fossilen System an den Kragen und zwar konstruktiv und lösungsorientiert! Obwohl es noch an vielen Ecken und Enden in der Gesellschaft mangelt, wurde schon viel erreicht: Damit sind nicht nur Windräder oder Solaranlagen gemeint, sondern auch Klimaklagen, grüne Arbeitszeiten und nachhaltige Mode. Die Essays verweisen darauf, wie dringend es ist, die Klimakrise endlich konsequent mit kollektiven und systemischen Ansätzen anzugehen.


Meine Meinung

Vom „Unlearn“-Format bisher noch nicht enttäuscht, stellte sich mir überhaupt nicht die Frage, ob ich dieses Sachbuch lesen würde oder nicht. Wie die „Unlearn Patriarchy“-Bücher geht es auch in diesem „Spin-off“ – wie ich es nennen würde – intersektional und feministisch zu – mit einem etwas anderen Fokus. Anders als bei den anderen beiden Büchern sind bei „Unlearn CO2“ auch Autoren vertreten und nicht nur Frauen oder queere Personen. Die Autor*innen stammen aus vielen verschiedenen Sparten des Klima-Diskurses: Forscher*innen, Aktivist*innen, Journalist*innen, Rechtsanwälte*Rechtsanwältinnen, Unternehmer*innen usw geben sich in diesem Sachbuch die papierene Klinke in die Hand.

Klima ist nicht nur ein einziges Thema, sondern ein Sammelbecken für viele politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen. Beim Klima-Diskurs stecken viele Themen ineinander, wie bei den schachtelbaren Matrjoschka-Puppen. Im Thema Ableismus steckt das Thema Gesundheit. Im Thema Arbeit begegnen wir dem Thema Wachstum und im Thema Wetter steckt die Verantwortung der Medien und die Gesundheit der Menschen. Diese Verschachtelungen machen die Essays durch Verweise und durch eine themenübergreifende Argumentation sichtbar. Rückblickend finde ich es etwas verblüffend, dass es in keinem der „Unlearn Patriarchy“-Bände einen Essay zum Thema Klima gibt.

Zu meinen persönlichen Highlights gehören die Essays zu den Themen Ableismus, Automobilität, Arbeit, Wetter und Gesundheit – einfach weil ich bei diesen Themen die stärksten Berührungspunkte zu meinem Leben finde. Ich fahre kein Auto und bin auf den ÖPNV angewiesen; ich habe es satt, vom „schönem Wetter“ zu sprechen, wenn es seit Wochen nicht geregnet hat – nur um nur ein paar wenige Verbindungen aufzuzeigen.

Der Ton ist nicht dogmatisch und kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus. Er ist aber dennoch mahnend und manche Texte sind von einer gewissen Strenge geprägt. Die Argumentationsketten der Autor*innen sind schlüssig, aussagekräftig, faktenbasiert und die Schreibenden verzichten auf Populismus und Polemik. Ansatzweise kamen mir manche Argumente und Themen bereits bekannt vor – vieles hat man irgendwie/irgendwo schon einmal gehört/gelesen. Dieses Sachbuch gibt diesen Puzzleteilen einen Rahmen und fügte sie zu einem größeren Ganzen zusammen. Die Informationen werden stark verdichtet, sind dadurch aber nicht weniger verständlich oder umfassend. Ich muss aber zugeben, dass mich die Autor*innen von „Unlearn Wachstum“ und „Unlearn Desinformation“ in ihren Ausführungen hier und da etwas verloren haben.

Der Autorin Kristina Lunz bin ich auch schon in „Unlearn Patriarchy #1″ begegnet. Zum Thmema CO2 schreibt sie zusammen mit Sheena Anderson über das Patriarchat. Einiges aus ihrem ersten Essay wiederholt sich. Auch wenn sie einige ihrer Punkte weiterentwickelt und Neues dazuholt, fand ich den ersten Essay insgesamt etwas besser und schlagkräftiger.

Im Essay „Unlearn Verdrängung“ geht es um Klimagefühle und darum, wie man mit diesen richtig umgeht. Die Platzierung direkt am Anfang des Sachbuchs bereitet einen darauf vor, welchen Emotionen man sich während der Lektüre wird stellen müssen. Es ist ein guter Einstieg und der Essay zeigt, dass die Lektüre kein Spaziergang wird.

Während das Sachbuch einen konstruktiven und lösungsorientierten Ansatz wählt und ich die Texte auch sehr informativ und aufklärend fand, hat mich die Lektüre insgesamt sehr ernüchtert, wenn nicht sogar entmutigt und hat Existenzängsten neuen Nährboden geboten. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir gesellschaftlich soweit sind, „die Sache mit dem Klima“ ernst zu nehmen. Der Handlungswillen fehlt. Und die Ergebnisse der Bundestagswahl sowie die weltenweiten Entwicklungen lassen mich mich nicht gerade hoffnungsvoll auf die Zukunft blicken.

Einige Essays haben bei mir Fragen nach der Mach- und Umsetzbarkeit einiger Ansätze und Vorschläge hervorgerufen. In „Unlearn Arbeit“ geht es darum, wie man die Arbeitswelt klimafreundlicher gestalten kann. Dabei erwähnt Sara Weber das Prinzip des „Climate Quitting“: „Menschen kündigen ihre Jobs, um klimagerechter zu arbeiten“ (S. 206). Wenn es also dem Arbeitgeber nicht gelingt Klima-Veränderungen anzustoßen, dann „bleibt die Wahl“ (S. 206) des Climate Quttings. Das hat mich dann doch aus den Socken gehauen, denn – wer kann sich denn sowas leisten? Wer hat diese „Wahl“? Ich nicht. Auch die Idee der „grünen Jobs“ (S. 207), also „Jobs, die dazu beitragen, die Umweltqualität zu erhalten, zu verbessern oder wiederherzustellen“ (S. 204) finde ich durchaus erstrebenswert, aber irgendwie glaube ich nicht daran, dass wir „alle“ (S. 207) irgendwann grüne Jobs haben werden. Geht das überhaupt?

Auch mit einigen Vorschlägen und Lösungsansätzen, die im Essay „Unlearn Recht“ vorgeschlagen werden, hadere ich noch immer. Meine Gedanken dazu sind bei weitem noch nicht spruchreif. Deswegen möchte ich nur darauf hinweisen, dass mir der Vorschlag der „Eigenrechte der Natur“ immer noch viel zu denken gibt und ich viele Zweifel mit mir herumtrage. Bei diesen Eingenrechten „handelt es sich um die Idee, dass ein neues Recht etabliert werden muss: das Recht auf das Leben eines Baumes oder auf die Balance eines Flussystems, ohne dies erst über menschliche Nutzungsinteressen oder Menschenrechte begründen zu müssen.“ (S. 99f).

Dieses Sachbuch macht in aller Klarheit deutlich, dass der Kampf gegen die Klimakrise und für Klimagerechtigkeit eine Frage von Privilegien ist. Die einen wollen zum eigenen Wohle nicht verzichten, wollen keine Privilegien abgeben und die andere brauchen sie aber dringend, um zum Wohle aller etwas zu bewegen. Die Autor*innen betonen, dass die Politik in die Pflicht genommen werden muss. Letztendlichen bleibt Veränderung dann doch an Einzelpersonen hängen, die die Veränderungen dann in die Politik tragen – auch das machen die Essays sehr deutlich. Diese Umstände machen mich wütend und haben mir die Lektüre erschwert. Dabei ist das nicht mal die Schuld der Autor*innen.


Mein Fazit

Mal wieder konnte mich das „Unlearn“-Format überzeugen! 14 Essays – unendlich viele Gedanken und Gefühle, die es noch jetzt zu verdauen gilt. Obwohl ich mit einem sehr lückenhaften Halbwissen an dieses Sachbuch herangegangen bin, hat man mir diese Unwissenheit und ja, auch meinen mangelnden Einsatz für das Klima, nicht zum Vorwurf gemacht. Ich hoffe sehr, dass diese Rezension auch Personen erreicht, die die Klimakrise leugnen oder sich an ihre Privilegien festklammern, als gäbe es kein Morgen mehr – womit sie ja, wenn wir uns jetzt nicht reinknien, tatsächlich recht haben. Absolute Leseempfehlung!


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